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Persönlichkeitsstörungen

Von einer Persönlichkeitsstörung spricht man dann, wenn eine extreme Ausprägung einzelner Persönlichkeitsmerkmale besteht und die Betroffenen selbst sehr darunter leiden und sich dadurch in ihrer Lebensgestaltung beeinträchtigt fühlen. Die Verhaltensmuster sind tief verwurzelt und wenig flexibel. Sie zeigen sich in starren Reaktionen in unterschiedlichen persönlichen und sozialen Bereichen. 

Betroffene haben aufgrund ihrer Persönlichkeitsprägung ein erhöhtes Risiko für weitere psychische Erkrankungen (Depression, Angststörung, Sucht, Essstörungen, ...).

Persönlichkeitsstörungen sind mit vielen Vorurteilen behaftet.



ENTSTEHUNG UND URSACHEN

Meist entstehen Persönlichkeitsstörungen schon früh in der individuellen Entwicklung aufgrund ungünstiger Entwicklungsbedingungen. Sie können sich jedoch auch erst im Erwachsenenalter ausbilden (z.B. infolge eines Traumas).

Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens eine Persönlichkeitsstörung zu entwickeln liegt bei etwa 5-10%. Die durchschnittliche Remissionsrate bei Persönlichkeitsstörungen liegt bei ca. 50% in 2 Jahren, was bedeutet, dass Persönlichkeitsstörungen keine überdauernden Muster sind, sondern veränderbar. 




FORMEN VON PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNGEN

Zu den häufigsten diagnostizierten Persönlichkeitsstörungen gehören die emotional instabile Persönlichkeit (Borderline-Typus oder impulsiver Typus). Weiter Formen von Persönlichkeitsstörungen sind u.a. die narzisstische, ängstlich-vermeidende, abhängige, zwanghafte, histrionische und paranoide Persönlichkeitsstörung  Mehrere Persönlichkeitsstörungen können auch kombiniert auftreten. 

Die amerikanische psychiatrische Gesellschaft (APA) hat drei Cluster gebildet, um Persönlichkeitsstörungen zusammenzufassen:


Cluster A (paranoide und schizoide Persönlichkeitsstörung):

Menschen mit einer paranoiden Persönlichkeitsstörung neigen dazu, anderen zu misstrauen, Kränkungen nachzutragen und Erlebtes zu verdrehen. Neutrale oder freundliche Handlungen Anderer werden häufig als feindlich oder verächtlich missgedeutet. Oft werden Mitmenschen unberechtigte verdächtigt. Es besteht eine Tendenz streitsüchtigem Verhalten und zu beharrlichem Bestehen auf eigenen Rechten. Diese Betroffenen können zu überhöhtem Selbstwertgefühl und häufiger, übertriebener Selbstbezogenheit neigen.



Cluster B (emotional-instabile PS, histrionische PS, narzisstische PS):

Bei einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung besteht die deutliche Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen auszuagieren. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen und einer Einschränkung in der Fähigkeit, impulshaftes Verhalten zu kontrollieren. Dadurch kommt es häufig zu Konflikten mit anderen. Es werden zwei Formen unterschieden: der impulsive Typus (vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität und mangelnde Impulskontrolle ) und der Borderline-Typus (zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes und der eigenen Ziele, durch ein chronisches Gefühl von Leere, durch intensive, aber unbeständige Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten mit Suizidversuchen).

Bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung werden ein grandioser und ein vulnerable Typus beschrieben, bzw. ein offener und ein verdeckter Narzissmus. Betroffene gründen ihr Selbstkonzept und ihre Selbstwertschätzung auf der Rückmeldung von anderen, was zu starken Schwankungen in der Beschreibung und Bewertung der eigenen Person führt. Ihre Zielsetzungen sind unrealistisch hoch und zielen auf eine grandiose Selbstdarstellung ab. Betroffene haben ein erhöhtes Schamerleben und neigen zur Abwehr der Scham mit starken negativen, nach außen gerichteten Emotionen (z. B. Wut).  Betroffene haben Schwierigkeiten, sich in andere hineinzudenken. Personen mit verdecktem Narzissmus wirken im ersten Kontakt selbstunsicher und neigen zu selbstabwertenden Tendenzen, jedoch liegen auch hier verdeckt Grandiositätsfantasien vor,  eine hohe Anspruchshaltung und eine Tendenzen zur Abwertung anderer.

Es gibt zahlreiche Überschneidungen zwischen narzisstischer und histrionischer Persönlichkeitsstörung. Die histrionische Persönlichkeitsstörung ist gekennzeichnet durch eine labile Gefühlslage, ein starkes Verlangen nach Anerkennung, eine Neigung zur Dramatisierung, Mangel an Rücksichtnahme und erhöhte Kränkbarkeit. Im Unterschied zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung kommt es Menschen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung jedoch nicht darauf an, als überlegen oder kompetent wahrgenommen zu werden, sondern sie nehmen in Kauf für zerbrechlich gehalten zu werden, wenn ihnen dies die Aufmerksamkeit anderer sichert.




Cluster C (zwanghafte, abhängig und ängstliche Persönlichkeitsstörung):

Charakteristische Merkmale von Menschen mit einer zwanghaften Persönlichkeitsstruktur sind anhaltende Zweifel, Kontrollen, Perfektionismus, übertriebener Gewissenhaftigkeit,  Vorsicht und Starrheit. Es können unerwünschte Gedanken (Zwangsgedanken) oder Impulse auftreten, die vom Schweregrad jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie bei einer Zwangsstörung.

Menschen mit einer ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung leiden unter Gefühlen von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit. Es besteht eine andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und Akzeptiertwerden, eine Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit. Die betreffende Person neigt zur Überbetonung potentieller Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.

Menschen mit einer abhängigen Persönlichkeitsstörung verlassen sich bei Entscheidungen passiv auf andere Menschen. Die Störung ist ferner durch große Trennungsangst, Gefühle von Hilflosigkeit und Inkompetenz, durch eine Neigung, sich den Wünschen älterer und anderer unterzuordnen sowie durch ein Versagen gegenüber den Anforderungen des täglichen Lebens gekennzeichnet. Bei Schwierigkeiten besteht die Tendenz, die Verantwortung anderen zuzuschieben. 



BEHANDLUNG

Behandelt werden Persönlichkeitsstörungen durch Psychotherapie, z.B. die Dialektisch-Behaviorale Therapie nach Linehan, die übertragungsfokussierte Psychotherapie nach Kernberg oder die Schematherapie nach Young. 

Die Psychotherapie von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen beruht im Wesentlichen auf der Beziehungsgestaltung, der Klärung und Bearbeitung von Selbstwertschemata, der Bearbeitung von Strategien zur Emotionsregulation sowie der Korrektur von destruktiven Verhaltensweisen.


Quellen:

Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) unter Beteiligung der Arbeitsgruppe ICD des Kuratoriums für Fragen der Klassifikation im Gesundheitswesen (2018). ICD-10-GM. Systematisches Verzeichnis. Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision - German Modification.  

Sonnenmoser, Marion (2012). Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Erkrankung mit vielen Facetten. Deutsches Ärzteblatt. 12. 567-568.

Vater, A., Roepke, S., Ritter, K. & Lammers, C-H. (2013). Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Forschung, Diagnose und Psychotherapie. Berlin: Springer.