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Was bedeutet "psychisch krank" bzw. "psychisch gesund"?

Die WHO (2014) definiert psychische Gesundheit als einen Zustand, in dem der Mensch seine Fähigkeiten und Potentiale nutzen kann, die normalen Lebensbelastungen bewältigen kann, produktiv und sinnstiftend arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.

Nicht nur die körperliche, auch die psychische Gesundheit eines Menschen schwankt. Die meisten Menschen befinden sich die meiste Zeit irgendwo zwischen „psychisch gesund“, „psychisch belastet“ und "psychisch krank". 

Der Begriff "psychische Erkrankung" umfasst verschiedene Symptombilder. Ärztinnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen können in einem ausführlichen Gespräch Erkrankungen diagnostizieren (siehe unten).


Wie häufig sind psychische Erkrankungen?

Für Deutschland wurde erhoben, dass jedes Jahr etwa 27,8 % der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Nur jeder fünfte Betroffene sucht jedoch eine Behandlung auf. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Angststörungen (15,4 %), gefolgt von Depression (8,2 %) und Störungen durch Alkohol- oder Medikamentenkonsum (5,7 %). Psychische Erkrankungen zählen in Deutschland zu den vier häufigsten Ursachen für den Verlust gesunder Lebensjahre. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben zudem im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung eine um 10 Jahre verringerte Lebenserwartung. (Quelle: DGPP)

Für Österreich gelten ähnliche Zahlen. Laut Österreichischem Gesundheitsbericht von 2016 haben 8 % der ÖsterreicherInnen eine ärztlich diagnostizierte Depression oder beurteilen sich selbst als depressiv - Frauen häufiger als Männer. Psychisch bedingte Krankenstände nehmen zu. Etwa 1.300 Menschen in Österreich begehen pro Jahr Suizid. Drei Viertel davon sind Männer. 

Laut Arbeiterkammer für OÖ (2014) haben sich die die Krankenstandsfälle aufgrund psychischer Erkrankungen im vergangenen Jahrzehnt mehr als verdoppelt. Ein durchschnittlicher Krankenstand aufgrund einer psychischen Erkrankung dauerte im Jahr 2013 41 Kalendertage. Im Vergleich dazu dauert ein durchschnittlicher Krankenstand beim klassischen grippalen Infekt lediglich fünf Tage. Mittlerweile entfallen schon mehr als zehn Prozent aller Krankenstandstage auf psychische Erkrankungen.

12- 17 % der Deutschen erkranken innerhalb ihres Lebens mindestens einmal an einer Depression, ca. 1 % der Bevölkerung erkrankt im Laufe des Lebens an einer Schizophrenie. Man rechnet damit, dass bis zum Jahr 2020 Depressionen in den Industriestaaten die zweithäufigste Ursache von Erkrankungen sein werden. (Quelle: Amt für Sozialwesen der gemeindepsychiatrischen Dienste Esslingen)


Welche Ursachen gibt es für psychische Erkrankungen? Gibt es Risikofaktoren?

Psychische Erkrankungen lassen sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Für die Entstehung werden biologische und biografische Faktoren sowie aktuelle Belastungen in Betracht gezogen. Meist sind mehrere Entstehungsfaktoren (Risikofaktoren) beteiligt. 

Manchen Menschen reagieren empfindsamer auf belastende Ereignisse als andere, sie sind vulnerabler (verwundbarer). Jedoch auch bei sehr widerstandfähigen (resilienten) Menschen gibt es eine Belastbarkeitsschwelle, bei deren Überschreitung Krankheitssymptome auftreten. Kein Mensch ist also völlig krankheitsresistent.

Psychische Erkrankungen können in jeder Lebensphase auftreten. Auslöser sind oft einschneidene Ereignisse. Besonders kritisch sind Übergangsphasen (z.B. Pubertät, Elternschaft, Trennung, Berufswechsel, Pensionsantritt, ...). Gefährdet sind auch Menschen, die dauerhaft in einer beruflich oder privat überfordernden Situation leben (z.B. pflegende Angehörige und auch Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen).

Belastende Lebensereignisse und Traumata können zu psychischen Erkrankungen führen oder diese auslösen. Besonders Menschen, die schon früh in ihrem Leben schwere oder lang anhaltende Belastungen erlebt haben, sind in ihrem späteren Leben verletzlicher. 


Kann man psychischen Erkrankungen vorbeugen?

Manchen psychischen Erkrankungen kann vorgebeugt werden z.B. durch Maßnahmen der Stressreduktion, Erlernen von Entspannungsverfahren, ... 

In einem frühen Erkrankungsstadium kann durch rechtzeitige therapeutische Versorgung, das Entstehen des Vollbildes der Erkrankung verhindert werden und den Heilungsverlauf verbessern.


Können psychische Erkrankungen vererbt werden?

Psychische Erkrankungen werden nicht direkt vererbt, dennoch treten manche psychischen Erkrankungen in Familien gehäuft auf. Dies hat unter anderem damit zu tun, dass Persönlichkeitsmerkmale vererbt werden, die für psychische Erkrankungen empfindlicher machen. Zum anderen werden auch Verhaltensmuster durch Lernerfahrung weitergegeben (z.B. ängstliche Reaktion, ...).


Wie wird eine Diagnose gestellt?

Zur Diagnosenstellung psychischer Erkrankungen ist in erster Linie das Gespräch geeignet. Es kann zusätzlich sinnvoll sein, eine psychologisch Testung einzuschließen.  Eine Diagnose wird in Österreich von Fachärztinnen, PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen gestellt.  Eine körperliche Untersuchung dient zu, auszuschließen, dass eine körperliche Erkrankung die psychischen Beschwerden verursacht.

PsychotherapeutInnen, ÄrztInnen und Kliniken müssen gegenüber den Krankenkassen eine ICD-10-Diagnose angeben, damit Behandlungskosten übernommen werden. Die ICD-10 („Internationalen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“) wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) herausgegeben. 


Wann ist eine medikamentöse Behandlung sinnvoll?

Durch Forschung ist gut belegt, dass psychischen Erkrankungen häufig auch mit einer Störungen des Gehirnstoffwechsels einhergehen. Deshalb werden u.U. sogenannte "Psychopharmaka" verordnet. Das Ziel der Medikation ist es, ein bestehendes Ungleichgewicht  an Botenstoffen im Gehirn (z.B. Serotonin, Noradrenalin, Dopamin, ...) auszugleichen bzw. den Stoffwechsel wieder anzukurbeln. Einige Psychopharmaka wirken unmittelbar (z.B. Beruhigungsmittel), andere wiederum wirken verzögert erst nach mehrwöchiger Einnahme  (z.B. Antidepressiva).

Antidepressiva kommen u.a. bei Depression, Angststörungen, Zwangsstörungen, chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Posttraumatische Belastungsstörung zum Einsatz. Die Wirkung tritt erst nach mehreren Wochen der regelmäßigen Einnahme ein. Keine Risiko der Abhängigkeit.

Anxiolytika (Beruhigungsmittel) wirken angstlösend, kommen in psychiatrischen Notfällen oder in Krisen zur Anwendung, werden oft als Bedarfsmedikament für kurzfristige Einnahme verordnet. Risiko der Abhängigkeit bei längerer regelmäßiger Einnahme.

Antipsychotika (Neuroleptika) werden u.a. bei Psychosen, Manie, Erregungszuständen und fallweise bei Depression verordnet. Es soll auf Alkohol verzichtet werden.

Stimmungsstabilisierer ("Mood stabilizers", Phasenprophylaxe) werden u.a. zur Behandlung einer bipolaren Erkrankung eingesetzt. Die volle Wirkung tritt erst nach einigen Wochen ein.


Wann ist eine Psychotherapie sinnvoll? 

Oder: 20 Gründe, eine Psychotherapeutin oder einen Psychotherapeuten aufzusuchen

"Psychotherapie kann sinnvoll sein, wenn einer der folgenden Sätze für Sie zutrifft.

  • Ich fühle mich krank oder habe Schmerzen, obwohl mich der Arzt für organisch gesund erklärt hat oder medizinische Befunde keine ausreichende Erklärung dafür bieten.
  • Seit längerer Zeit halte ich mich nur noch mit Aufputsch-, Beruhigungs- oder Schlafmitteln (Psychopharmaka) aufrecht.
  • Ohne ersichtlichen Grund bekomme ich rasendes Herzklopfen und Angst, dass ich sterben muss.
  • Ich habe Ängste, die mich belasten oder einschränken: z. B. vor dem Kontakt mit meinen Mitmenschen, vor Autoritäten, vor großen Plätzen, vor engen Räumen, vor Prüfungen.
  • Es plagen mich oft Gedanken, über die ich mit niemandem zu sprechen wage (Scham- und Schuldgefühle, Hassgefühle, Unzulänglichkeitsgefühle, das Gefühl, verfolgt oder fremdbestimmt zu werden, ...).
  • Ich fühle mich antriebs- und lustlos, erschöpft oder ständig überfordert. Ich bin oft niedergeschlagen und habe keine Freude am Leben.
  • Ich bin traurig und vereinsamt.
  • Ich befinde mich in einer belastenden Umbruchsituation (z. B. schwereKrankheit, Tod, Arbeitslosigkeit, Scheidung, Trennung, Unfälle, ...), dieschwer zu bewältigen ist.
  • Ich denke manchmal an Selbstmord.
  • Ich lebe in einer Beziehung, die mich sehr belastet.
  • Ich fühle mich durch meine Kinder dauerhaft überfordert.
  • Ich habe wiederkehrend große Probleme im Kontakt mit anderen Menschen (z. B. am Arbeitsplatz).
  • Ich bin süchtig – nach Alkohol, Drogen, Essen, Hunger, Liebe, Spielen.
  • Ich fühle mich innerlich gezwungen, ständig dasselbe zu denken oder zu tun (z. B. zwanghaftes Waschen, Zusperren, Grübeln, ...), obwohl dies mein Leben sehr einengt.
  • Ich sollte meine Fähigkeiten besser ausschöpfen und weiß nicht wie.
  • Ich komme mit meiner Sexualität nicht zurecht.
  • Ich habe Angst vor Entscheidungen, und das quält mich.
  • Mein Kind zeigt Verhaltensauffälligkeiten oder hat psychosomatische Probleme.
  • Mein Kind reagiert oft aggressiv oder ist traurig und zieht sich zurück. Es hat Schwierigkeiten, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu kommen. Ebenso können Schulangst, Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten Ausdruck psychischer Probleme sein.

Wenn die letzten Punkte zutreffen, sollten Sie mit Ihrem Kind Kontakt zu einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten aufnehmen." (Bundesministerium für Gesundheit (2011). Psychotherapie: Wenn die Seele Hilfe braucht.)


Wie läuft eine Psychotherapie ab?

Psychotherapie kann in Form verschiedener Settings stattfinden: als Einzel-, Gruppen-, Paar- oder Familientherapie. Eine Einzeltherapie-Sitzung dauert meist 50 Minuten, eine Paar- oder Gruppentherapie-Sitzung 90 Minuten.   

Bei einigen psychotherapeutischen Methoden steht das Gespräch im Vordergrund, andere bieten zusätzlich Übungen oder die Arbeit mit kreativen Medien (z. B. Malen) an, mit denen der Zugang zum eigenen Erleben und zu inneren Konflikten unterstützt werden soll. Zudem wendet eine Reihe von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mehr als eine psychotherapeutische Methode an bzw. integriert Erfahrungen mit anderen methodischen Richtungen in ihre Arbeit. 


In Österreich sind 23 Psychotherapieverfahren zugelassen, die sich im Wesentlichen einteilen lassen in 

  • verhaltenstherapeutische 
  • tiefenpsychologische 
  • systemische 
  • humanistische
  • integrative und 
  • körpertherapeutische Verfahren:

Analytische Psychologie- Autogene Psychotherapie - Daseinsanalyse - Dynamische Gruppenpsychotherapie - Existenzanalyse - Existenzanalyse und Logotherapie - Gestalttheoretische Psychotherapie - Gruppenpsychoanalyse - Hypnosepsychotherapie - Individualpsychologie - Integrative Gestalttherapie - Integrative Therapie - Katathym Imaginative Psychotherapie - Klientenzentrierte Psychotherapie - Konzentrative Bewegungstherapie - Neurolinguistische Psychotherapie - Personenzentrierte Psychotherapie - Psychoanalyse - Psychodrama - Systemische Familientherapie - Transaktionsanalytische Psychotherapie - Verhaltenstherapie

Viele Psychotherapeutinnen sind auf bestimmte Probleme oder Personengruppen spezialisiert, z.B. Essstörungen, psychosomatische Erkrankungen, Depressionen, Suchterkrankungen, Probleme von alten Menschen, Familien, Kindern, ...

Für das Gelingen der Psychotherapie ist die vertrauensvolle Beziehung zwischen zur Psychotherapeutin oder zum Psychotherapeuten sehr wichtig.



Quellen: 

  • www.psychenet.de
  • Amt für Sozialwesen Gemeindepsychiatrische Dienste Esslingen. Zahlen und Fakten zu psychischen Erkrankungen in Deutschland.
  • Bundesministerium für Gesundheit (2011). Psychotherapie: Wenn die Seele Hilfe braucht. Broschüre.
  • Bundesministerium für Gesundheit und Frauen (2017). Österreichischer Gesundheitsbericht 2016. Berichtszeitraum 2005-2014/15.
  • DGPP (2018). Factsheet: Zahlen und Fakten der Psychiatrie und Psychotherapie.
  • Kammer für Arbeiter und Angestellte für OÖ (2014). Daten & Fakten: Psychische Leiden verursachen lange Ausfälle und hohe Kosten. Arbeitnehmer/-innen sind immer öfter seelisch krank. Broschüre.
  • Kammer für Arbeiter und Angestellte für Wien (2015). Psychische Belastungen und Stress in der Arbeit: Ursachen, Folgen, Lösungen. Broschüre.